Faulheit Eine Schwierige Disziplin Essays Of Elia

Manfred Kochs Essay über eine schwierige Disziplin

Die gesellschaftliche Ächtung der Faulheit ist ein neuzeitliches Phänomen. Das zeigt Manfred Koch in seinem kulturgeschichtlichen Essay. Der Müssiggang will in der Moderne nicht nur geübt sein, er muss auch durch Arbeit erdauert werden.

Thomas Strässle

Maximal drei Stunden Arbeit pro Tag sind erlaubt. Das reicht, um mithilfe der Maschinen zu produzieren, was wir zum Leben brauchen. Den Rest des Tages widmen wir mussevollen Tätigkeiten (Kunst, Sport, Spiel, Gespräch usw.) oder geben uns dem edlen Nichtstun, dem herzhaften Faulenzen hin. Schliesslich hat auch Gott nur «kümmerliche sechs Tage» gearbeitet, als er die Welt schuf, und verbringt seither seine Zeit mit «Sonntagen und blauen Montagen». – So forderte es Paul Lafargue, sinnigerweise der Schwiegersohn von Karl Marx, als er 1883 in einer Streitschrift mit dem Titel «Das Recht auf Faulheit» das Zukunftsmodell einer Gesellschaft entwarf, die sich von ihrem verinnerlichten Arbeitszwang befreit hat. Leider konnte sich sein «régime de paresse» nicht durchsetzen, und so steht die Faulheit bis heute in schlechtem Ansehen: Wer faul ist, zieht den Verdacht der Leistungsverweigerung auf sich und verstösst gegen die herrschende Arbeitsmoral. Zugleich: Wer träumte nicht, mindestens ab und zu, vom Faulenzen?

Die Faulheit ist ein ambivalentes Phänomen und daher ein ausgezeichneter Gegenstand für einen Essay. Manfred Koch hat ihn geschrieben und mit dem Titel «Faulheit. Eine schwierige Disziplin» versehen. Es geht ihm jedoch nicht darum, den gestressten Zeitgenossen seinerseits ein Faulheitsregime zu verpassen (solche Ratgeber gibt es schon zur Genüge), sondern um eine ideen- und literaturgeschichtliche Darstellung der Faulheit. Der Essay handelt in vier Kapiteln von den Mythen der Faulheit, der Geschichte der Faulheit, der Faulheit als Zivilisationskritik und den trägen Helden der modernen Literatur.

Zuerst stellt sich heraus: Die Mythen der Faulheit sind Traumlandphantasien. Weder im biblischen Paradies noch im antiken Arkadien herrschte ein ewiger Sonntag. An beiden Orten musste gearbeitet, will heissen: gesät, geerntet und gezüchtet werden – wenn auch nicht im Schweisse des eigenen Angesichts, sondern im Einvernehmen mit der göttlichen Natur. Erst im volkstümlichen Schlaraffenland (vom mittelhochdeutschen «sluraff» = Faulenzer), wo einem die Esswaren frisch zubereitet nur so in den Mund fallen und jeglicher Fleiss bestraft wird, hat die Faulheit die Herrschaft übernommen. Doch funktionieren solche Wunschbilder nach dem Prinzip der «verkehrten Welt» und zeugen damit nur umso nachdrücklicher von der Plackerei, die dem Menschen hienieden auferlegt ist.

Dass die Ächtung der Faulheit ein neuzeitliches Verdikt ist, zeigt Koch in einem kurzen geschichtlichen Abriss. Jahrtausendelang galt eine «Mussepräferenz», die erst kraft neuzeitlicher Sozialdisziplinierung im Zeichen kapitalistischer Wirtschaftsethik in die moderne Arbeitsbesessenheit übergeführt wurde. Hier schlägt Koch einen sehr weitgespannten historischen Bogen vom paulinischen «Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen» über die getaktete Zeit in den mittelalterlichen Klöstern und die vielbeschworene protestantische Arbeitsmoral bis zum modernen Primat der Arbeit über die Nichtarbeit und zum Ende der Vollbeschäftigung in der Arbeitslosigkeit. Näher an Figuren und Texten sind die Kapitel zur Faulheit als Zivilisationskritik, die Koch an zwei Namen festmacht (Diogenes und Rousseau), und zu den trägen Helden der modernen Literatur. Sie sind die Müssiggänger, Taugenichtse und Gelangweilten der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts (bei Schlegel, Büchner, Gontscharow u. a.). In diesen Passagen wartet der Essay mit einigen schönen Lektüreminiaturen, aber wenigen Entdeckungen auf, um sich schliesslich mit langem Atem Thomas Manns «Zauberberg» zuzuwenden, wo die Faulheit zur körperlichen Fäulnis wird. Die erschütterndste Klarsicht auf die eigene Untätigkeit besass freilich Franz Kafka. Im «Brief an den Vater» schreibt er: «Wahrscheinlich bin ich in meiner Anlage gar nicht faul, aber es gab für mich nichts zu tun.»

Im abschliessenden, fünften Kapitel versucht Koch doch noch, in Auseinandersetzung mit Kants Anthropologie und im Geiste Lafargues die Grundzüge einer «Kunst der Faulheit» für die Gegenwart zu entwickeln. Er tut dies aber mit aller gebotenen Skepsis gegenüber der Allgemeingültigkeit solcher Rezepte und überlässt es dem individuellen Vermögen jedes Einzelnen, in einen ihm gemässen «Rhythmus von Anspannung und Entspannung» hineinzufinden: in einen Alltag der Variationen, zu dem die Arbeit ebenso gehört wie selbstzweckhafte Tätigkeit, heitere Zerstreuung und sorgloses Faulenzen. Eine Grundeinsicht trägt diese Kunst der Faulheit und auch das ganze Buch: dass anhaltende Faulheit ein Widerspruch in sich wäre. Der Reiz der Faulheit ist die Erholung von der Arbeit. Fällt diese weg, wird jene schal.

Manfred Koch hat einen reichen, klugen, gelehrten, aber gut lesbaren Essay über ein faszinierendes Thema geschrieben. Und vergnüglich ist er noch dazu: Man erfährt auch skurril-amüsante Dinge wie zum Beispiel, dass in alpenländischen Ferienorten Therapiekurse angeboten werden, «in denen der Gast das meditative Hineinversetzen in das Wiederkäuen der Kühe lernt» – gelten doch Tiere, insbesondere Kühe, in ihrer vermeintlich besinnungslosen Trägheit dem Menschen seit je als Gegenmodelle des eigenen Aktivismus. Man spart sich aber besser das Geld für solche Kurse und besorgt sich stattdessen dieses Buch.

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Klappentext

Nahezu alle Ursprungsmythen der Menschheit entwerfen den Menschen als Kulturwesen. Schon in den Paradiesphantasien leistete er Arbeit, wenn auch im Einklang mit seiner Natur. Noch war ihm die Unterscheidung zwischen Plackerei und Müßiggang fremd. Das sollte sich jedoch jäh ändern. Der süße Traum vom Nichtstun wurde geboren.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.09.2012

Mit viel Lob bedenkt Rezensent Thomas Strässle diesen kulturgeschichtlichen Essay über die Faulheit von Manfred Koch. Neben den Mythen über die Faulheit, der Geschichte der Faulheit und der Faulheit als Zivilisationskritik findet er darin auch ein erhellendes Kapitel über den "trägen Helden der modernen Literatur". Das Thema scheint Strässle faszinierend, seine Aufbereitung durch Koch rundum gelungen: Der Essay bietet ihm eine Fülle von Facetten zur Faulheit von der Antike bis heute. Er schätzt die kluge und hervorragend lesbare Darstellung. Sein Fazit: eine lehrreiche, unterhaltsame und auch amüsante Lektüre.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2012

Hannah Lühmann empfiehlt Manfred Kochs Vrevier über die Faulheit als entspannte Ferienlektüre, zählt aber in ihrer Rezension hauptsächlich auf, was ihr darin fehlt: Sie findet keine Herleitung des heutigen Arbeitsethos aus der christlichen Moral, keine Begriffsgeschichte und auch keine Begründung, weshalb in Mythen fast immer Frauen den Menschen die Mühsal eingebrockt haben. Trotz aller Mängel reißen die versammelten Anekdoten, Mythen und Geschichten die Rezensentin aber immer wieder mit. Ihr fällt auch auf, dass der Autor das "begrenzt schöne Laster" nicht zu sehr verherrlicht und sich dadurch positiv von der Masse der Muße-Bücher abhebt. Zwischen Rousseau und der Bibel, dem Schlaraffenland und Arkadien pendelnd hat Hannah Lühmann auch noch etwas über die Widersprüchlichkeiten der Faulheit lernen können.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.06.2012

Ganz und gar nicht faul war Manfred Koch beim Abfassen dieses Essays über das "reizvolle Thema" Faulheit, bemerkt Burkhard Müller, der sich gerne vom Autor auf einen Ritt durch die abendländische Geistesgeschichte hat mitnehmen lassen, in der man von der Genesis bis zu Thomas Mann allerhand über Faulheit erfahre. Umso schöner findet es der Rezensent, dass Koch das Material "elegant und unterhaltsam" vorstelle und mit "gedankenreichen Anmerkungen" aufbereite, denen der Bogenschlag von den alten Klassikern zu aktuellen Reizthemen wie Grundeinkommen und Hartz IV gelinge. Die Lektüre lohne also allemal, schreibt Müller, auch wenn er sich eine etwas persönlichere Note gewünscht hätte und manche essayistische Zuspitzung - etwa über das dem Menschen vorbehaltene Privileg der Faulheit gegenüber dem Tier - nicht dem Text selbst zu entnehmen ist, sondern den Schlussfolgerungen des Lesers überlassen bleibt.

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